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SOZIALES UNTERNEHMERTUM IM AUFWIND

SOZIALES UNTERNEHMERTUM IM AUFWIND

Dr. Günther Lutschinger, Geschäftsführer des Fundraising Verbands Austria, lud mit Dr. Christine Schäfer, Vorstandsvorsitzende der CS Caritas Socialis Privatstiftung, und Mag. Gabriela Sonnleitner, Geschäftsführerin des magdas Hotel, zwei Vertreterinnen hochprofessionell agierender Organisationen zum Erfahrungsaustausch in die Wirtschaftsuniversität Wien. Zusammen mit dem Leiter des Instituts für Nonprofit-Management, Univ.- Prof. Dr. Michael Meyer, wurde über soziales Unternehmertum und den Social Return on Investment (SROI)* diskutiert.

Günther Lutschinger: Soziale Unternehmen sind in aller Munde. Was ist der wesentliche Unterschied zu NGOs, die sich wirtschaftlich engagieren?
Michael Meyer:
Die Grenzen zwischen sozialen Unternehmen und klassischen NGOs sind fließend. Wir haben es für eine unserer Social-Business-Studien so definiert: Es muss mehr als die Hälfte der Finanzierung über Markteinkommen erzielt werden und ein soziales Ziel vorhanden sein, das gleichzeitig auch ein klares Unternehmensziel ist. Dabei gibt es ganz unterschiedliche Ausprägungen. Meistens ist es so wie bei magdas, dass ein wesentlicher Teil des Geschäftszweckes die Integration gewisser Zielgruppen in das Unternehmen ist. Nach unseren Schätzungen gibt es derzeit rund 2.000 Social Businesses, das sind teilweise sehr etablierte Unternehmen, die schon in den 1980er-Jahren im Zuge der sehr experimentellen aktiven Arbeitsmarktpolitik von Sozialminister Dallinger entstanden sind. Und dann gibt es viele neue, oft Einpersonenunternehmen, Start-ups sowie Spin-offs von etablierten NPOs, die auf diese Weise agieren: Insgesamt schätzen wir, dass in diesem Bereich derzeit rund 16.000 bis 20.000 Personen beschäftigt sind, und dass er ein ziemliches Wachstumspotenzial hat. Wir prognostizieren, dass er in den nächsten fünf Jahren auf ungefähr 10.000 Unternehmen mit 80.000 bis 100.000 Beschäftigten ansteigen wird. Also selbst im Vergleich zum klassischen NPO-Sektor, der etwa 230.000 Beschäftigte hat, ist das also schon etwas.


DR. CHRISTINE SCHÄFER:
„Obwohl wir so groß sind, leben wir trotzdem von der Mundpropaganda, speziell im Hospizbereich.“

Lutschinger: Frau Mag. Sonnleitner, das magdas Hotel als Einrichtung der Caritas Wien ist ein Spin-off, das Markterlöse erzielt: Was unterscheidet es noch von einem herkömmlichen wirtschaftlich agierenden Unternehmen?
Gabriela Sonnleitner:
Na ja, ich glaube, ganz stark durch dieses „Warum gibt es uns?“, dieses „Why?“: Das magdas ist ja ein Hotel, das von 20 Menschen mit Fluchthintergrund gemeinsam mit zehn Hotelexperten geführt wird. Es gibt uns nur, damit wir zeigen, dass Menschen mit Fluchthintergrund extreme Potenziale haben, dass Österreich etwas entgeht, wenn wir dieses nicht nutzen, und dass wir gemeinsam mit diesen Menschen ein tolles Unternehmen führen können, das gern besucht wird. Wir haben 88 Zimmer, im ersten Jahr hatten wir eine Auslastung von 55 Prozent, rund 22.000 Menschen haben bei uns genächtigt. Wir sind in erster Linie ein ganz normales Hotel, das heißt, wir müssen gute Umsätze machen, weil wir uns zu 100 % selbst finanzieren müssen.

Lutschinger: Frau Dr. Schäfer, kann man eine so große Einrichtung wie die CS Caritas Socialis gemeinnützig führen, ohne dass man „ständig am Spendentropf“ hängt?
Christine Schäfer:
Ja, das kann man, allerdings kooperieren wir mit der Stadt Wien, das muss man vorausschicken. Wir sind eine Pflege- und Betreuungseinrichtung, von der Wirtschaft draußen unterscheidet uns nicht das unternehmerische Agieren, aber sehr wohl der Unternehmenszweck. Wir sind da für Menschen und deren Bedürfnisse, und trotzdem müssen wir nach den gleichen marktwirtschaftlichen Kriterien unsere Erfolge erreichen. Wir brauchen zwar keinen Gewinn, aber wir müssen ausgeglichen bilanzieren. Wir haben einige Bereiche, die von der Stadt Wien refinanziert werden, und andere, die vollständig oder teilweise von Spenden abhängig sind, etwa der gesamte Hospizbereich.

Lutschinger: Wie kam es zur Entscheidung, diesen Bereich in eine gemeinnützige Privatstiftung auszugliedern?
Schäfer:
Es wurden GesmbHs und eine Privatstiftung geschaffen, um das Mutter-Kind-Haus, das für Frauen mit Gewalthintergrund und deren Kinder da ist, die Pflegeeinrichtungen, die Tageszentren, das Hospiz und die Demenzbetreuung abzusichern. Aktuell hat die Stiftung 935 MitarbeiterInnen, davon arbeitet ein größerer Teil in der Betreuung zu Hause, das sind nicht ganz 350 Personen, und wir haben drei Standorte, in Wien in der Pramergasse, in Kalksburg und am Rennweg. Im Wesentlichen werden in allen Häusern die gleichen Dienstleistungen angeboten, das Spezifikum am Rennweg ist, dass dort die Hospizstation, das mobile Palliativteam, das Team der Ehrenamtlichen und die Beratungsstelle des Hospizes angesiedelt sind.

Lutschinger: Ist das typisch für den Sektor, zwei Finanzierungssäulen zu haben: marktfähige Leistungen auf der einen, Spendenfinanzierung, Ehrenamt auf der anderen Seite?
Meyer:
Durchaus. Etablierte, hochprofessionelle Anbieter von sozialen Dienstleistungen wie die CS Caritas Socialis agieren in Österreich schon seit Dekaden. Bei Magdas Hotel ist es das Typische, dass sie auf einem ganz anderen Markt agieren wollen, nämlich dem Tourismusmarkt, der noch einmal anders funktioniert. Dabei geht es darum, mit gewinnorientierten Hotels in Wettbewerb zu stehen und sich mit ihnen zu messen. Und zwar nicht als soziales Unternehmen, sondern als nettes Hotel, das witzig ist, gut ausschaut und ein feines Design und gute Betten hat, also alles, was bei einem Hotel eben zählt. Das sind sehr spezielle Märkte, die in Österreich immer schon eine große Rolle gespielt haben, da wir ein kooperatistisches Sozialsystem haben, das – im Unterschied zu den skandinavischen Staaten etwa – eben nicht alle sozialen Dienstleistungen durch den Staat anbieten lässt. Das heißt, wir haben jede Menge großer NPOs, die soziale Dienstleistungen anbieten, aber zumindest teilweise auch auf Märkten tätig sind. Diesen Mix brauchen wir dort auch, weil man über die Marktpreise alleine die Qualität auf dem Niveau nicht finanzieren könnte.

Lutschinger: Sind Social Businesses wie das Magdas oder klassische NGOs die besseren Unternehmer?
Sonnleitner:
Ich glaube, man muss für sein Ziel und seine Zielgruppe die richtige Organisationsform finden, und die wird sich immer wieder ändern. Ich kann jetzt junge Leute mit dieser sich von klassischen NGOs nicht angesprochen fühlen. Die Caritas hat nicht nur deshalb bei Magdas Hotel ganz bewusst entschieden, eine Tochter zu gründen, denn dieses Hotel wäre nicht machbar ohne Profis aus dem Hotelbusiness. Das schwierigste war, Menschen mit genau den gefragten Doppelprofessionen zu finden, die ja nicht nur die Hotellerie und Gastro können, sondern auch in Sachen Integration und Pädagogik bewandert sein müssen. Konkurrenzfähig zu sein, heißt also auch, die richtigen Menschen zu haben.

„Wir haben für das Magdas Hotel aus der Tourismusbranche viel positives Feedback bekommen. Aber trotzdem existiert der Kampf um die Hotelbetten.“


MAG. GABRIELA SONNLEITNER: „Ich glaube, man muss für sein Ziel und seine Zielgruppe die richtige Organisationsform finden.“

Lutschinger: Unterscheidet sich die CS Caritas Socialis in Bezug auf Effizienz, Controlling, Management-Tools von Unternehmen der Privatwirtschaft?
Schäfer:
Ich glaube, das kann sich nicht unterscheiden. Wir müssen professionell handeln, sonst würden wir gar nicht existieren. Wir haben den Vorteil der Kooperation mit der Stadt Wien, damit sind einige Leistungen refinanziert, aber wir müssen dennoch im Konkurrenzumfeld bestehen. Die Leistung muss stimmen, und der Selbstanspruch ist, dass wir gute Qualität zu vergleichbaren Preisen bieten.

Sonnleitner: Vielleicht sperrt man nicht so leicht zu, wenn man so eine Verantwortung hat wie Ihr Unternehmen, das ist keine Option.

Meyer: Genau das ist ja auch ein Wettbewerbsvorteil und der Grund, warum es den 3. Sektor gibt. Wenn eine Dienstleistung sehr komplex ist und sehr nahe geht, so wie das bei der Pflege oder einer Hospizleistung ist, dann vertraue ich eher einer NPO.

Lutschinger: Es gibt bei Ihrer Organisation einen Orden als Eigentümer, der andere Interessen hat als nur Rendite zu erwirtschaften. Macht das einen Unterschied oder ist die Rendite hier etwas, was man als Social Return on Investment bezeichnen kann?
Schäfer:
Wir versuchen den Auftrag der Ordensgründerin zu erfüllen, Not zu lindern. In der Pflege von alten Menschen etwa in der Hospizbetreuung gibt es einen Bedarf. Jeder Mensch hat das Recht auf eine Hospizbetreuung, doch es gibt zu wenig Angebote. Der soziale Aspekt steht also stark im Vordergrund. Weil Sie vorher den SROI angesprochen haben, das ist natürlich eine schwierige Sache. Ich kenne eine Studie, die der Dachverband der Wiener Sozialdienste erstellt hat, wie es mit dem SROI in der Betreuung zu Hause aussieht. Aber da gibt es so viele Annahmen, mit denen man arbeitet. Wir vertrauen da eher unseren Evaluierungen, Mitarbeiterbefragungen, aber auch Befragungen unserer KundInnen, der Angehörigen, mit gutem Rücklauf, regelmäßig, das andere ist ein Konstrukt. Wie vergleiche ich etwa einen Social Return on Investment, wenn ich einen arbeitslosen Jugendlichen, der durch eine Arbeitsmaßnahme befähigt wird und einen Job bekommt, den er womöglich über Jahrzehnte behält, und wir betreuen einen Menschen, der im Endstadium einer Krebserkrankung ist und zwei Tage, bevor er stirbt, zu uns kommt? Wie sollen wir da einen vergleichbaren ökonomischen Return erreichen?

Meyer: Das lässt sich machen. Der Vorteil ist, dass ich so etwas wie einen sozialen Nutzen darstellen kann, und der beginnt ja nicht erst in den zwei Tagen, wenn der Mensch zu Ihnen kommt, der beginnt ja viel früher. Wenn ich weiß, ich kann mich flächendeckend auf diese Hospizleistungen verlassen, dann gehen meine Angehörigen und ich vollkommen anders in die Phase einer tödlichen Krankheit hinein, ich habe eine enorme Entlastung der Angehörigen, ich kann das alles messen und monetarisieren. Das bedeutet jedoch nicht, dass das alles immer sinnvoll sein muss, aber es bringt uns ein Stück weit weg von diesem „Ja, das machen wir eben, weil wir gute Menschen sind!“ und zeigt, dass unsere Gesellschaft auch einen ökonomischen Nutzen hat, wenn so etwas gemacht wird, und das geht weit über den Nutzen für diese Einzelperson hinaus. Wie man so etwas durchführt, muss man sich natürlich gut überlegen, aber grundsätzlich halte ich das schon für sinnvoll.

„Menschen sind tatsächlich glücklicher, wenn sie sich zivilgesellschaftlich engagieren, also Geld spenden, ehrenamtlich tätig sind. Dabei geht es im Wesentlichen um das Erleben von Selbstwirksamkeit.“

Lutschinger: Welche Erwartungen gab es bezüglich der Rendite beziehungsweise der Performance?
Sonnleitner:
Eines der großen Experimente ist ja, ob wir es tatsächlich ohne Förderung hinbekommen. Und das heißt einerseits, diese tägliche Balance zwischen der Ökonomie und dem Sozialen zu halten. Wir müssen ja irgendwann eine schwarze Null schreiben. Und andererseits: Was wollen wir unmittelbar mit den Menschen bewirken, die wir hier beschäftigen, also haben wir viele Wirkungsziele. 20 anerkannte Flüchtlinge, die angestellt sind, viele haben schon gewechselt. Ist das schon ein Misserfolg, wenn man eine hohe Rotationszahl hat? Das Riesenwirkungsziel dieses Modellprojekts ist es, der Tourismusindustrie aufzuzeigen, dass hier eine tolle Zielgruppe in Österreich da wäre, die vielleicht viele ihrer Arbeitsmarktprobleme lösen könnte. Und wenn dort Menschen mit Fluchthintergrund schneller und besser integriert werden, ist das auch schon ein großer Erfolg. Ich habe im vergangenen Jahr unzählige Gespräche mit Menschen aus anderen Hotels, Hotelketten, Organisationen, Investoren in ganz Europa geführt, die Magdas einfach toll gefunden haben und es kopieren, die Idee in ihre Betriebe integrieren wollen. Wir arbeiten derzeit an einem Franchisemodell, also würde ich schon sagen, das ist die Wirkung, die wir uns erhofft haben, aber wie lässt sich das messen? Mein Bauchgefühl sagt mir, dass wir unheimlich viel Wirkung erzielt haben, weil da etwas angestoßen wurde.

Lutschinger: Wie wichtig sind Spenden?
Meyer:
Für die zivilgesellschaftliche Perspektive halte ich Spenden für extrem wichtig. Menschen sollen ihre persönlichen Anliegen unterstützen. Im internationalen Vergleich sind wir hier nicht so super. In den USA schaut das anders aus. Der durchschnittliche Amerikaner spendet ungefähr das Zehnfache eines Österreichers, zudem gibt es eine ganze Reihe an gemeinnützigen Stiftungen mit unglaublichen Volumina. Alleine Silicon Valley hat eine Community Foundation, die jedes Jahr eine Milliarde Dollar für Bildung und Soziales in der Region Silicon Valley ausgibt. Die größte gemeinnützige Stiftung in Österreich ist die Erste Stiftung, die zu ihren besten Zeiten 20 Millionen ausgeschüttet hat, und zwar für Projekte in ganz Zentral- und Osteuropa. Und rein betriebswirtschaftlich betrachtet sind Spenden Eigenkapital, und es gibt in unserem System, glaube ich, ohnehin sehr wenig Möglichkeiten, sich mit Eigenkapital an Social Businesses zu beteiligen, also Gott sei Dank können wir wenigstens spenden.


PROF. DR. MICHAEL MEYER: „Wir brauchen Modelle, die es erlauben, sich mit Eigenkapital an Social Businesses zu beteiligen.“

Lutschinger: Macht Spenden glücklich?
Meyer:
Alle Befunde zeigen, dass es zumindest eine hohe Korrelation gibt. Leute, die sich zivilgesellschaftlich engagieren, spenden, ehrenamtlich tätig sind, die sind auch glücklicher. Die Frage, die sich dabei immer stellt, ist: Henne oder Ei? Sind es grundsätzlich diejenigen, die zufriedener sind im Leben, die geben können, oder ist es umgekehrt? Wenn man in die Mikroprozesse hineinschaut, sieht man aber schon, dass die Kausalität sehr stark von dem „Ich tue Gutes, daher werde ich glücklicher und zufriedener“ ausgeht. Von Leuten, denen es materiell ganz dreckig geht, wird keiner erwarten, dass sie spenden. Aber selbst die können im Bereich der ehrenamtlichen Arbeit etwas zurückgeben und damit auch ihren Selbstwert erhöhen. Und um das geht es im Wesentlichen, ich erlebe so etwas wie Selbstwirksamkeit.

Redaktion: cpg - corporate publishing group, Foto: (c) Ludwig Schedl,
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