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ENGAGEMENT FÜR EINE STARKE ZIVILGESELLSCHAFT

ENGAGEMENT FÜR EINE STARKE ZIVILGESELLSCHAFT

Fotocredit: KURIER / Gilbert Novy

Banker haben heutzutage kein gutes Image. Dabei wurde die Erste Österreichische Sparkasse einst gegründet, um Menschen Zugang zu Finanzdienstleistungen zu verschaffen, die bis dahin nur sehr Privilegierten vorbehalten waren. 
Andreas Treichl: Vor 200 Jahren war es Normalsterblichen nicht möglich, Zinsen auf ihr Erspartes zu bekommen. Ein gewaltiger Nachteil gegenüber den Wohlhabenden. Wahrscheinlich war die Sparkassenidee unserer Gründungsväter, die ursprünglich aus Schottland stammte, eine der größten sozialen Bewegungen des 19. Jahrhunderts. Sie hat Europa verändert, weil durch den Zugang zu Kredit und Sparbuch einer viel breiteren Bevölkerungsschicht Wohlstand ermöglicht wurde. Das, was wir heute als Mittelstand bezeichnen, hat es damals nicht gegeben. In den vergangenen 200 Jahren haben wir klar gesehen, dass eine demokratische Entwicklung nur möglich ist, wenn es einen breiten Mittelstand gibt. Wir haben uns lange vor der Finanzkrise mit der Frage auseinandergesetzt: Was ist eigentlich der Zweck unseres Unternehmens? Er ist im Wesentlichen der gleiche wie vor 200 Jahren. Den Kommunen in unserer Region Wohlstand zu bringen. Dazu muss man allerdings auch verdienen. Wir sind ja keine NGO und leben von Spenden. Wir leben davon, Kapital aufbauen zu können.


In Österreich gibt es geschätzte 40.000 Menschen, die kein Bankkonto mehr haben, weil sie aus verschiedenen Gründen in eine wirtschaftliche Notlage geschlittert sind. Für sie hat man die Zweite Sparkasse gegründet. Was ist der konkrete Geschäftszweck?
Treichl: Zunächst ging es darum, Menschen, die kein Konto haben, eines zur Verfügung zu stellen. Kein Konto zu haben bedeutet nämlich auch, zu vielen Dienstleistungen keinen Zugang zu haben. Heute hat jeder Bürger einen gesetzlichen Anspruch auf ein Konto. Aber der Zweck der Zweiten Sparkasse ist ja nicht nur das Konto, sondern auch damit einhergehende Produkte wie eine Haftpflichtversicherung zu sehr geringen Kosten. Menschen, die in finanzielle Bedrängnis kommen und sich keine Versicherung mehr leisten können, kommen enorm unter Druck. Vor allem aber bieten wir in der Zweiten Sparkasse Betreuung. Viele unserer Mitarbeiter engagieren sich hier ehrenamtlich und helfen Menschen, die bei einer regulären Bank keine Betreuung erfahren, wieder auf den Weg in ein normales Finanzleben.


Die Erste Stiftung unterstützt die Zivilgesellschaft in der Region CEE, also in Mittel- und Osteuropa. Wie sieht dieses Engagement aus?
Treichl: Es geht der Stiftung um die Stärkung der Zivilgesellschaft. Aber auch wir als Bank haben dort unterschiedliche Formen von Social Banking etabliert. In Rumänien etwa vergeben wir Kredite an Bauern und andere Menschen, die bei ihren Banken keine Kredite bekommen. Was wir damit verdienen, geht wieder in soziales Engagement. 


Viele Erste-Bank-Mitarbeiter haben sich im Rahmen der Flüchtlingskrise engagiert. Sie haben im September 2015 Schlafmöglichkeiten auf dem noch nicht bezogenen Campus bereitgestellt, die Flüchtlinge betreut sowie zusätzlich medizinische Beratung und Erstversorgung ermöglicht. Können Sie mir Ihre Eindrücke aus dieser Zeit schildern?
Treichl: Das war für uns eine Frage der Zweckmäßigkeit. Unser Quartier ist neben dem Hauptbahnhof. Damals sind extrem viele Transitflüchtlinge gekommen. Wir haben nichts anderes gemacht, als Räume und Verpflegung zur Verfügung zu stellen. Natürlich sind solche Erlebnisse berührend. Aber so, wie ich unsere Mitarbeiter kenne, habe ich mir nichts anderes erwartet. Auch das ist Teil unserer Identität.


Kommen wir zum Thema Spenden. In den USA werden Vermögende bzw. Unternehmen über das Steuersystem motiviert, sich für soziale oder wissenschaftliche Themen zu engagieren bzw. Geld zur Verfügung zu stellen. Würden Sie sich ein solches System auch für Europa wünschen?
Treichl: Es gibt ja auch bei uns erste Ansätze in diese Richtung. Aber ich glaube, die ideologischen Unterschiede zwischen den USA und Europa sind einfach zu groß. Hier sagt die Politik: Wir heben Steuern ein und es ist unsere Aufgabe, dafür zu sorgen, den Nichtprivilegierten zu helfen. Umverteilung ist hier Aufgabe des Staates und wird nicht den Wohlhabenden überlassen. In den USA herrscht hier eine marktwirtschaftlichere Art, damit umzugehen. Welches Modell besser ist, kann ich nicht sagen. Ich glaube, dass die Spendenbereitschaft der breiten Bevölkerung in Österreich sehr hoch ist, viel höher als in den USA. Was die Wohlhabenden betrifft, ist sie weniger hoch, weil es weniger steuerliche Anreize gibt.


Stichwort „Wohlhabende“: Sie stammen selbst aus einer finanziell privilegierten Familie. Sehen Sie dadurch eine besondere Verantwortung im Engagement für andere?
Treichl: Wenn man etwas zu verteilen hat, tut man sich leichter, als wenn man nichts zu verteilen hat. Und wir alle wissen, auch wenn es nur bedingt stimmt: Geld macht nicht glücklich. Das größte Privileg, das man haben kann, ist es, nicht über seine Finanzgebarung nachdenken zu müssen. Und Leute, die viel Geld haben und trotzdem ständig über Geld nachdenken, tun mir furchtbar Leid. 


Sie gehören (mit 2,5 Millionen Euro/Jahr) zu den bestbezahlten Managern Österreichs. Denken Sie manchmal über Armut nach?
Treichl: Ehrlich gesagt, glaube ich nicht, dass das Nachdenken über Armut etwas damit zu tun hat, wie viel man verdient. Es hängt davon ab, ob man das will und sich die Zeit nimmt. Es gibt viele Stinkreiche, die gar nicht darüber nachdenken. Wenn man so viel verdient wie ich und im Finanzgeschäft tätig ist und dann nicht darüber nachdenkt, wie es Menschen geht, die große Geldsorgen haben, dann fehlt einem etwas.


Fühlen Sie sich durch Ihren Wohlstand verpflichtet, anderen zu helfen?

Treichl: Ich weiß nicht, ob ich mich verpflichtet fühle. Ich tu’s, aber ich rede nicht gern darüber.


Warum?
Treichl: Ich bin so erzogen worden, nicht darüber zu reden. Das habe ich von meiner Mutter. Es gibt im Rahmen einer gewissen Eventkultur viele Menschen, die großes Aufhebens um ihr Engagement machen.


Wie empfinden Sie das?

Treichl: Ich möchte nicht darüber urteilen. Auch das Engagement von Menschen, deren Wirken etwas öffentlichkeitsintensiver ist, ist positiv. Mir wäre so etwas aber unangenehm. Doch alle Menschen sind unterschiedlich und wenn jemand gerne darüber redet, dann soll er es tun.


Ihr Vater hat sich für karitative Organisationen engagiert, etwa das Österreichische Rote Kreuz. Hat Sie das geprägt?
Treichl: Ich habe großen Respekt vor dem Engagement meines Vaters, aber die Prägung habe ich nicht von ihm, sondern von meiner Mutter, denn sie war wirklich ihr ganzes Leben karitativ tätig und hat nie darüber geredet.


Möchten Sie darüber reden?

Treichl: Meine Mutter hat mit dem Übersetzen von Büchern ein bisschen Geld verdient, aber sie hat im Wesentlichen ihr Leben damit verbracht, Multiple-Sklerose-Kranken zu helfen. Sie hat mich als Kind schon mitgenommen. Ich habe sehr früh Krankenpflege erlebt. Und ich bin sicher stark von ihr geprägt. Ich war selten mit meinem Vater beim Österreichischen Roten Kreuz, aber viel mit meiner Mutter unterwegs. 


Gehört die Bereitschaft, sich für andere Menschen zu engagieren, zu einem erfüllten Leben?

Treichl: Es tut gut, wenn das man das Gefühl hat, man macht wirklich etwas. Wir merken das auch in der Erste Bank. Wenn man als Finanzdienstleister einen Beitrag leisten kann, der weit darüber hinausgeht, für Menschen Vermögen zu verwalten, ist das extrem motivierend. Und das ist gut.

Interview: Mag. Barbara Mader, KURIER
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