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IN JEDEM VON UNS STECKT EIN ALTRUIST

IN JEDEM VON UNS STECKT EIN ALTRUIST

Fotocredit: Valeria Gazzola

 

Christian Keysers erforscht die neuronalen Grundlagen des Mitgefühls und ihre Bedeutung für das menschliche Zusammenleben am Institut für Neurowissenschaft in Amsterdam. Mit seinem Konzept des „empathischen Gehirns“ verbindet er ein Menschenbild, das auf Kooperation statt Konkurrenz setzt.

 

Mal egoistisch, mal selbstlos. Ist der Mensch nun ein unverbesserlicher Einzelkämpfer oder neigt er doch eher zur Zusammenarbeit zum Nutzen aller?

Das Leiden anderer aktiviert unser eigenes Schmerzsystem, so als würden wir den Schmerz selbst empfinden. Wir sind von Natur aus darauf programmiert, uns um das Wohlergehen anderer zu sorgen – geht es jemandem schlecht, fühlen wir uns auch schlecht. Das motiviert uns dazu, anderen zu helfen. Natürlich ist das nicht der einzige Beweggrund: Wir stecken voller selbstsüchtiger Motive, um unsere eigenen Ressourcen zu stärken und unser Überleben und das unserer Familie zu gewährleisten. Deshalb wägen wir unsere Bereitschaft, anderen zu helfen, immer mit unseren eigennützigen Beweggründen ab. Manchmal gewinnt der Einzelkämpfer in uns, manchmal überwiegen die anderen Aspekte.

 

Gibt es in der Tierwelt Vergleichbares?

Ja, auch andere Säugetiere sind so programmiert, dass ihr Schmerzzentrum beim Anblick eines Leidenden aktiviert wird. Was in der Tierwelt allerdings weniger ausgeprägt ist, ist die Komplexität des sozialen Verhaltens, wie wir es beim Menschen kennen. Ratten beispielsweise helfen sich gegenseitig, wenn es nicht mit zu viel Risiko verbunden ist, was hinsichtlich der Evolutionstheorie „Survival of the fittest“ überrascht. Aber Ratten leben in Gruppen und so dient dieses Verhalten vermutlich der Arterhaltung. Es gibt aber auch andere erstaunliche Beobachtungen, wie die von Schimpansen, die auch auf die Gefahr hin, selbst zu ertrinken, ins Wasser springen, um einander zu helfen. Solche Vorfälle sind jedoch – anders als bei uns Menschen – relativ selten. Bei uns ist der Hang zur Kooperation viel ausgeprägter, wir sind dafür auch besser ausgestattet, was uns besonders macht.

 

Sie haben gesagt, der Mensch ist eine Mischung aus Egoist und Altruist. Doch wann neigen wir eher zu selbstlosem und wann zu eigennützigem Verhalten?

Das ist sehr komplex. Eine wichtige Komponente stellt eben unser empathisches Vermögen dar. Es motiviert uns dazu, anderen zu helfen, weil wir uns dann einfach besser fühlen. Es gibt aber auch andere Beweggründe: Anderen zu helfen bedeutet auch, Verbündete zu haben, die einem zukünftig helfen können. Selbstloses Verhalten ist zudem gesellschaftlich attraktiv und steigert unseren guten Ruf. Alle diese Faktoren zusammen veranlassen uns zu guten Taten. Wir wissen aber auch, dass der empfundene Mangel an Ressourcen einen eher egoistisch handeln lässt. Zusätzlich neigen wir dazu, Personen, die uns in unserem sozialen Netzwerk und auch räumlich näher stehen, mehr zu helfen, als Menschen die weiter weg und anders sind.

 

Welche Rolle spielt Fairness dabei?

Der Gerechtigkeitssinn ist gerade bei Primaten sehr ausgeprägt– sowohl bei humanen als auch nichthumanen. Geben Sie beispielsweise zwei Trauben dem einen Affen und acht dem anderen, ist ersterer ziemlich verärgert und wird mit den Trauben nach Ihnen werfen. Geben Sie jedem aber jeweils zwei, freuen sich beide, Trauben bekommen zu haben. Verfügen wir also über genügend Ressourcen, fühlen wir uns meist unwohl, alles für uns zu behalten und anderen nichts davon abzugeben. Dieser Sinn für Gerechtigkeit ermutigt uns daher auch, zu teilen und unter gegebenen Umständen altruistisch zu handeln. Ist andererseits jemand uns gegenüber unfair gewesen, ist unsere Empathie für ihn schwach ausgeprägt und wir tendieren sogar dazu, uns an ihm zu rächen. Fairness regelt also unsere Empathie und unser altruistisches Handeln gegenüber anderen Menschen.

 

Phasen von Kooperation und reinem Egoismus prägen ja auch immer wieder unsere Geschichte und bilden das unruhige Auf und Ab politischer und finanzieller Systeme. In welcher Phase befinden wir uns Ihrer Ansicht nach aktuell?

Das ist eine sehr schwierige Frage. Ich glaube, dass Individuen stets in mehreren konzentrischen Kreisen leben. Meines Erachtens sind wir insgesamt gesehen auf familiärer und vielleicht sogar auf regionaler und nationaler Ebene zurzeit sehr kooperativ. Auf europäischer Ebene sind wir im Großen und Ganzen besser als in den meisten Jahrhunderten zuvor, fühlen aber eine bestimmte Anspannung zwischen dem „wir“ und dem „sie“. Auf globaler Ebene haben wir meiner Ansicht nach das Potenzial zu mehr Kooperation.

 

Wie müsste denn ein System aussehen, damit dieses Potenzial besser ausgeschöpft werden kann?

Ich denke, der Schlüssel dazu ist ein Zusammengehörigkeitsgefühl, das die Vereinigung aller Menschen über die leidlichen nationalen Narrative stellt. Eine Welt, in der Diversität in den Schulen beginnt und auch begrüßt wird und die Vorzüge von Kooperation immer wieder thematisiert werden. Ich bin überzeugt, dass wir viele dieser Faktoren bereits haben, wir müssen sie nur stärker hervorheben.

 

Zur Person

Christian Keysers, 1973 in Belgien geboren, studierte Psychologie und Biologie in Deutschland und den USA. Als Postdoktorand kam er 2000 nach Parma, wo er bei Giacomo Rizzolatti Untersuchungen an Spiegelneuronen durchführte. Seit 2004 forscht und lehrt er in Groningen, wo er auch mit seiner Frau Valeria Gazzola das Social Brain Lab gründete, das seit 2010 in Amsterdam angesiedelt ist. 2012 erschien sein Buch „Das empathische Gehirn“, in dem er die Fähigkeit des Einfühlungsvermögens thematisiert, worauf unser soziales Miteinander basiert. Sein Buch wurde 2012 mit dem Independent Publishers Book Award als bestes Wissenschaftsbuch ausgezeichnet.

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