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PERSÖNLICHES ENGAGEMENT IST FÜR UNS KEINE EINTAGSFLIEGE

PERSÖNLICHES ENGAGEMENT IST FÜR UNS KEINE EINTAGSFLIEGE

Foto © Infineon Austria / tinefoto.com | martin steinthaler

KURIER: Frau Dr. Herlitschka, wie viel Infineon-Technik steckt in meinem Smartphone?
Sabine Herlitschka: Unsere Silizium-Mikrofone beispielsweise, die wir zum Teil in Villach entwickeln und produzieren, stecken weltweit in jedem dritten Smartphone – und somit sehr wahrscheinlich auch in Ihrem. Sie ermöglichen eine optimale Spracherkennung und digitale Sprachunterstützung bei vielen Anwendungen. Oder ein anderes plakatives Beispiel: Wir produzieren auch Chips für mehr Energieeffizienz, damit beispielsweise ein Handy beim Laden nicht so schnell warm wird und Ladegeräte wesentlich kleiner werden.

Chips von Infineon ermöglichen zudem einen rasanten Datentransport über die weltweiten Netzwerke. Regierungen, Organisationen und vor allem auch Unternehmen stehen nun ständig „unter Beobachtung“. Hat sich Ihrer Ansicht nach die gesellschaftliche Verantwortung von Unternehmen dadurch
stark verändert?
Herlitschka:
Was man ganz deutlich erkennt, ist, dass man heute als Unternehmen und eigentlich auch sehr stark als Person aufgrund der neuen Medien immens transparent geworden ist – ob man das möchte oder nicht. Transparenz ist ein „Hygienefaktor“ jeder Gesellschaft. Für Infineon gesprochen bedeutet das, wir
überlegen uns sehr gut, was wir tun, und stehen dazu. Das betrifft auch unsere Mitarbeiter*innen, die über unsere Aktivitäten in den verschiedenen Social-Media-Kanälen berichten.

Infineon hat im vergangenen Jahr rund 1,4 Millionen Euro für soziales und gesellschaftliches Engagement ausgegeben. Was sind die Gründe dafür?
Herlitschka
: Wir verbinden gesellschaftliche Verantwortung mit unternehmerischem Erfolg, und da leisten wir im Infineon-Konzern nicht nur an der einen oder anderen Stelle Spenden, sondern setzen gezielte Sponsoring-Aktivitäten. Soziales und gesellschaftliches Engagement ist bei uns Teil eines größeren Konzepts. Wir sind von der Wichtigkeit und Notwendigkeit überzeugt. Gleichzeitig bin ich der Ansicht, dass soziale und gesellschaftliche Verantwortung nicht nur Aufgabe der Politik oder von Unternehmen ist, sondern auch etwas, das jeder Einzelne von uns wahrnehmen sollte.

Inwiefern?
Herlitschka:
Wir sind doch als Gesellschaft ebenso gefordert! Schließlich geht es auch darum, für welche Produkte ich mich ganz persönlich entscheide. Unternehmen reagieren immer auf die Nachfrage am Markt oder darauf, was als Nachfrage erwartet wird. Vielen ist aber nicht bewusst, dass sie durch ihre persönliche Kaufentscheidung auch eine Entscheidung in einem ethischen und moralischen Sinn treffen. Meiner Ansicht nach muss gesellschaftliche Verantwortung immer ein Zusammenspiel sein. Unternehmen nehmen ihre Rolle wahr, der Staat nimmt seine Rolle wahr, aber das muss auch jeder Einzelne von uns tun.

Wie unterstützt und fördert Infineon denn das persönliche Engagement seiner Mitarbeiter*innen?
Herlitschka:
Wir tun das auf unterschiedliche Art. Ein Beispiel: Während der großen Flüchtlingswelle haben einzelne Mitarbeiter*innen den Flüchtlingen, die zu uns kamen, Deutschstunden gegeben, sie begleitet. Oder während der großen Unwetter bei Afritz/Feld am See haben wir Mitarbeiter*innen freigestellt, damit sie vor Ort helfen können. Diese Aktivitäten sind in unsere Richtlinien eingebunden und entsprechen zudem zwei wesentlichen Rahmenwerken des UN Global Compacts, dessen Teilnehmer wir sind. Aus den vorgegebenen zehn Prinzipien haben wir auch unsere Sponsoring-Richtlinie abgeleitet, die vier Themenfelder definiert: Umwelt/Nachhaltigkeit, Bildung, lokale/soziale Aktivitäten und Unterstützung bei Naturkatastrophen oder humanitären Krisen. Für uns ist persönliches Engagement keine Eintagsfliege. Wir machen das nicht, weil es opportun ist, sondern weil es uns wichtig ist. Wir setzen gezielt dort an, wo wir aufgrund unserer Produkte, unserer Haltung, unserer Werte und unserer Visionen viel beitragen können. Und ich tue das auch ganz persönlich: Während der Flüchtlingswelle habe ich eine Initiative gestartet, mit der wir Flüchtlingen mit erteiltem Asylstatus zusätzliche Lehrstellen angeboten haben. Es hat mich besonders gefreut, dass spontan eine Reihe weiterer Unternehmen meiner Einladung zur Mitarbeit gefolgt sind. Mittlerweile sind diese Lehrlinge im 4. Lehrjahr, haben sich hervorragend integriert und sind geschätzte Mitarbeiter*innen geworden.

Welchen Nutzen kann das gesellschaftliche Engagement von Mitarbeiter*innen für das Unternehmen bringen?
Herlitschka:
Das, was wir im Unternehmen tun, hat auch Auswirkungen auf die Mitarbeiter*innen und umgekehrt. Wenn diese auf uns zukommen und vorschlagen, an Schulen Technik und Naturwissenschaften unterrichten zu wollen, dann überlegen wir uns, wie wir das Thema aufgreifen können. Aktuell machen wir dazu gerade eine Umfrage unter unseren 4.200 Mitarbeiter*innen. Wir möchten systematisch erheben, wo diese gesellschaftlich engagiert sind und wie wir diese Aktivitäten unternehmerisch noch besser aufbauen und ergänzen können.

Sie unterstützen unter anderem verschiedene gemeinnützige Organisationen. Können Sie mir dazu einige Beispiele nennen?
Herlitschka:
Eine meiner Lieblingsaktionen, die zeigt, wie wir nachhaltige und soziale Werte auch leben, war unsere Weihnachtswunschbaum-Aktion im vergangenen Dezember. Wir haben dafür mit drei sozialen Einrichtungen (das Haus Herrnhilf der Diakonie de La Tour in Treffen, die Amica Jugendbetreuung und das Josefinum Viktring, Anm. der Redaktion) zusammengearbeitet, die Kinder und Jugendliche betreuen. Diese durften jeweils einen kleinen Herzenswunsch äußern. Wir haben 246 selbstgestaltete Wünsche von den Kindern und Jugendlichen bekommen, die von den Infineon-Mitarbeiter*innen erfüllt wurden. Auch ich sicherte mir einen. Ein kleines Mädchen wünschte sich einen Chemiebaukasten. Die Geschenke wurden dann im Rahmen einer Weihnachtsfeier bei Infineon an die Kinder übergeben. Mir ist dieses Beispiel deshalb so wichtig, weil es zeigt, dass man ganz konkret Nutzen stiften kann und auch soll.

Was ist Ihre persönliche Motivation für soziales und gesellschaftliches Engagement?
Herlitschka:
Es ist eine Frage des Anstands und der gesellschaftlichen Verantwortung. Für mich steht das an erster Stelle. Und wenn man die Möglichkeit hat, sinnstiftend tätig zu sein, warum soll man es dann nicht tun?

Ist es Ihrer Ansicht nach für große Unternehmen leichter, moralisch zu handeln?
Herlitschka:
Nein. Es ist eine Frage der Haltung. Jetzt sind die Rahmenbedingungen natürlich nicht bei jedem gleich, aber ich halte wirklich viel von persönlicher Eigenverantwortung, die man wahrnimmt – im Rahmen seiner Möglichkeiten. Und es macht auch keinen Unterschied, ob man ein großes oder kleines Unternehmen ist.

Viele Unternehmen haben sich freiwillig selbst verpflichtet, ein Prozent vom Umsatz oder 1,5 Prozent vom Betriebsergebnis freiwillig zu spenden. Was halten Sie davon?
Herlitschka:
Von solchen Verpflichtungen halte ich wenig, für mich ist es dann so ähnlich wie bei der Steuer: Man erfüllt diesen Richtwert und hat damit seine Pflicht getan. Fertig! Meiner Ansicht nach nimmt das ein bisschen den Punkt der Überzeugung raus. Unternehmen und Organisationen, die gesellschaftlich verantwortungsbewusst agieren, sind schlussendlich auch diejenigen, die erfolgreicher sind. Menschen, die sich aus Überzeugung gesellschaftlich engagieren, werden eher für Unternehmen arbeiten, die ebenfalls eine solche Haltung einnehmen. Wir reden heute von Fachkräftemangel und das ist nicht nur etwas, was mit Fachwissen zu tun hat. Natürlich suchen wir Fachkräfte in den Bereichen Elektrotechnik, Informatik, Physik oder Chemie, wir suchen aber auch Menschen, die unsere Visionen teilen und auch selbst Visionen haben. Und da schließt sich auch wieder der Kreis.

Sie werden immer wieder als Österreichs smarteste Tech-Lady bezeichnet. Wie behauptet man sich in einem doch noch sehr von Männern dominierten Bereich?
Herlitschka:
Gut. ;-)) Nachdem ich diese Frage nicht das erste Mal gestellt bekomme, frage ich mich mittlerweile, warum stellt man diese Frage nur Frauen? Wir leben heute in einer Zeit, in der viele Studien belegt haben, dass Diversität ein Erfolgsfaktor ist. Von den 200 größten Unternehmen in Österreich gibt es lediglich drei oder vier Frauen in Top-Führungspositionen. Ich finde, heutzutage müssten Männer eine Antwort parat haben, warum sie trotz der Faktenlage nicht mehr Frauen in ihre Führungsgremien holen.

Sie haben einmal gesagt, Sie wären für die Einführung einer Frauenquote. Warum?
Herlitschka:
Ich bekenne mich zur Sinnhaftigkeit einer Quote, weil man damit Aufmerksamkeit auf das Thema richtet. Es hat sich gezeigt, dass überall dort, wo das unelegante Mittel der Quote eingeführt wurde, es auch gewirkt hat. An den Universitäten wurde lange behauptet, keine Frauen für die Rektoratsposten oder Universitätsratsposten zu finden. Nach Einführung der Quote war das plötzlich möglich. Eine Quote öffnet quasi Türen – durchgehen, d. h., die Leistung bringen und sich behaupten, muss jede und jeder selbst.

Das Thema Forschung und Entwicklung hat sie ja über Ihren ganzen Lebenslauf hinweg begleitet, wie kam es dazu?
Herlitschka:
Neben meinem Studium der Lebensmittel- und Biotechnologie war ein Praktikum ausschlaggebend für mein Interesse daran. Und es war auch die größere gesellschaftliche Entwicklung in den 1980er-Jahren, als der Kraftwerksbau in Hainburg die politische Lage in Österreich änderte. Das war die erste große gesellschaftliche Veränderung. Es war das erste Mal, als begonnen wurde zu diskutieren: Muss es denn für eine gute gesellschaftliche Entwicklung Kompromisse in der Ökologie geben? Für mich war das damals ein gesellschaftlicher Auftrag, das hat mich dann aber auch dazu gebracht, an der Universität für Bodenkultur zu studieren. Sie nennt sich zu Recht die Universität des Lebens, weil man dort technische, wirtschaftliche und soziale Aspekte kombiniert und forschungsbasierte Antworten auf große gesellschaftliche Fragen erarbeitet.

Welches Forschungsthema packt Sie aktuell?
Herlitschka:
Energiemanagement als Grundlage für eine nachhaltige globale Entwicklung! Das ist das aktuelle Thema unserer Zeit: Wie kann man mit intelligenter Technologie Wachstum ermöglichen, ohne dabei die Welt zu zerstören?


Gesellschaftliches und soziales Engagement ist uns ein wichtiges Anliegen
Infineon engagiert sich auf freiwilliger Basis in der Gesellschaft. Wir glauben fest daran, dass das Vertrauen, die Glaubwürdigkeit und die Akzeptanz, die wir mit den Gesellschaften, mit denen wir interagieren, aufgebaut haben, dabei helfen, ein positives Sozial-, Arbeits- und Geschäftsklima zu schaffen. Das, was wir im Unternehmen tun, hat auch Auswirkungen auf die Mitarbeiter und umgekehrt. Bei uns kann jeder Vorschläge in diesem Bereich gemäß unserer Corporate-Citizenship-&-Sponsoring-Richtlinien einreichen. Wenn also Mitarbeiter*innen mit der Idee an uns herantreten, an Schulen Technik und Naturwissenschaften unterrichten zu wollen, dann überlegen wir uns, wie wir das Thema umsetzen können. Aktuell machen wir dazu gerade eine Umfrage unter unseren 4.200 Mitarbeitern*innen. Wir möchten systematisch erheben, wo diese gesellschaftlich engagiert sind und wie wir diese Aktivitäten unternehmerisch noch besser aufbauen und ergänzen können.


Zur Person
Nach dem Studium der Lebensmittel- und Biotechnologie an der Universität für Bodenkultur in Wien widmete sich Sabine Herlitschka der industriellen Forschung. Die diplomierte Wirtschaftstechnikerin mit MBA in „General Management“ ist seit 2014 Vorstandsvorsitzende der Infineon Technologies Austria AG. Zudem ist sie u. a. Mitglied des österreichischen Rates für Forschung und Technologieentwicklung, gewähltes Mitglied des Senats der deutschen Fraunhofer-Gesellschaft sowie stv. Vorsitzende des Universitätsrats der Technischen Universität Wien. 2011 erhielt sie den Orden „Chevalier dans l’Ordre du Mérite“ der Republik Frankreich für Verdienste um die strategische Forschungskooperation zwischen Frankreich und Österreich. Außerdem ist sie Ehrensenatorin der Universität für Bodenkultur Wien und der Leopold-Franzens-Universität Innsbruck.

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