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ENGAGEMENT GEGEN ARMUT

ENGAGEMENT GEGEN ARMUT

Dr. Karin Heitzmann:
„Unternehmen können Organisationen unterstützen, deren Leistungsangebot sich unmittelbarer an die Bedürfnisse benachteiligter Bevölkerungsgruppen richtet.“
Foto © www.sonjaspitzer.com


In Österreich leben immer mehr Menschen an der Armutsgrenze und sind auf Unterstützung angewiesen. Unternehmen können mit sozialen Dienstleistungen gegensteuern.

Ab wann gilt man als arm? „Als armutsgefährdet galt man in Österreich im Jahr 2018, wenn in einem Einpersonenhaushalt weniger als 1.259 Euro an Einkommen pro Monat verfügbar war“, sagt Dr. Karin Heitzmann, Universitätsprofessorin am Institut für Sozialpolitik und Leiterin des Forschungsinstituts Economics of Inequality. „Als Einkommensarmutsschwelle werden 60 Prozent des Median-Pro-Kopf-Haushaltseinkommens definiert.“ Hierzulande sind insgesamt 1,2 Millionen Menschen von Armut betroffen oder armutsgefährdet. „Armut in Österreich bedeutet insbesondere, mit knappen Ressourcen am täglichen Leben teilhaben zu müssen“, so Heitzmann. Das könne für Einzelpersonen bzw. Familien Einschränkungen in vielen Lebensbereichen bedeuten. „Damit gelingt es betroffenen Personen bzw. Familien nicht mehr bzw. nur mehr schwer, ein Leben zu führen, das in unserer Gesellschaft als ‚normal‘ eingeschätzt wird. Stattdessen muss mit einem Mangel umgegangen werden, der Ausgrenzungen nach sich ziehen kann“, sagt Heitzmann. So nehmen armutsgefährdete Kinder etwa deutlich weniger oft an schulischen, kulturellen oder sportlichen Veranstaltungen teil. Auf Dauer führe ein Leben mit ökonomischen Einschränkungen zu weiteren Benachteiligungen, wie in Hinsicht auf die Gesundheit, oft zur Einsamkeit und zur Deprivation.

Die Folgen von Armut für die Gesellschaft
Armutsgefährdung hat zunächst einmal unmittelbare Folgen für die betroffenen Haushalte und Familien. Heitzmann: „Ihre Teilhabe in ökonomischer, sozialer und kultureller Hinsicht ist oftmals erschwert. Für die Politik ist die Existenz von Armut bzw. Armutsgefährdung insbesondere ein Zeichen dafür, dass der Arbeitsmarkt bzw. auch die Abdeckung durch soziale Sicherheit nicht hundertprozentig funktionieren.“ Für die Gesellschaft stelle die Existenz von Armut schließlich auch eine Probe für die Solidarität in der Gesellschaft dar. „Empirische Evidenz zeigt zudem, dass Menschen in Gesellschaften mit einer gleicheren Verteilung von Einkommen (und Vermögen) im Gegensatz zu Menschen in Gesellschaften mit einer ungleicheren Verteilung glücklicher sind“, sagt die Universitätsprofessorin.

Was Unternehmen tun können
Doch welche Lösungsansätze auf wirtschaftlicher und unternehmerischer Ebene wären denkbar? „Auf wirtschaftlicher Ebene geht es insbesondere darum, genügend und gut bezahlte Arbeitsplätze zur Verfügung zu stellen. Arbeitsmarktbeteiligung hat sich als einer der besten Schutzmechanismen gegen Armut herausgestellt, insbesondere im Zusammenhang mit einer guten Bildung, Ausbildung und Weiterbildung der (potenziellen) Arbeitskräfte“, so Heitzmann. Unternehmen können einerseits genügend und gut bezahlte Jobs zur Verfügung stellen und insbesondere auch benachteiligte Bevölkerungsgruppen vornehmlich beschäftigen. „Zudem können Unternehmen auch Organisationen unterstützen, deren Leistungsangebot sich unmittelbarer an die Bedürfnisse benachteiligter Bevölkerungsgruppen richtet“, so Heitzmann. Dies könne durch Spenden, Sponsoring oder Kooperationen mit sozialwirtschaftlichen Organisationen passieren. In diesem Sinne könne die unternehmerische Corporate Social Responsibility gut gelebt bzw. umgesetzt werden.

Wie Spenden helfen
Spenden sind insbesondere für Organisationen der Sozialwirtschaft bedeutsam. „Diese Organisationen bieten häufig Leistungen an, die sich an armutsgefährdete Gruppen richten“, sagt Karin Heitzmann. Damit ermögliche man den armutsgefährdeten Menschen, einerseits das ohnehin knappe Einkommen zu schonen – etwa durch die Bereitstellung der Möglichkeit, billig einzukaufen oder die Übernahme von Kosten etwa für Schulbücher oder Schulausflüge –, und andererseits die Teilhabe von benachteiligten Personen bei sozialen und kulturellen Aktivitäten zu erhöhen. „Viele dieser wichtigen Leistungen werden nicht oder nicht ausreichend durch den Sozialstaat zur
Verfügung gestellt – und nicht zuletzt durch die Spendenfinanzierung von Sozialorganisationen erst ermöglicht“, so Heitzmann.

Zur Person
Karin Heitzmann ist Universitätsprofessorin am Institut für Sozialpolitik und Leiterin des Forschungsinstituts Economics of Inequality an der WU Wien. Sie studierte an der WU, der University of Nebraska at Omaha, USA, der University of Bath, England, und dem St. Patricks College in Maynooth, Irland. Nach Abschluss des Doktorats an der WU war sie ein Jahr als Konsulentin der Weltbank (Social Protection Department) in Washington, D.C., USA. Sie habilitierte an der WU (Venia: Sozioökonomie). Arbeitsschwerpunkte in Forschung und Lehre: Armutsforschung: Träger der Armutsbekämpfung, Überschuldung, Frauenarmut; Wohlfahrtsstaatsforschung: Österreichische Sozialpolitik; Social Investment, Nachhaltigkeit in der Sozialpolitik; Ungleichheitsforschung: Armut und Reichtum in der EU/OECD.

Eine Übersicht von Nonprofit-Organisationen und ihren gemeinnützigen Schwerpunkten finden Sie hier

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