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IM ZEICHEN  DES WANDELS

IM ZEICHEN DES WANDELS

Die Corona-Pandemie führte in den vergangenen Monaten auch in der Wirtschaft zu einer außer gewöhnlichen Solidarität. Was Unternehmensengagement im Krisenjahr 2020 genau auszeichnet und wohin der Trend gehen könnte, erklärt Dr. Christian Schilcher von der Bertelsmann Stiftung im Interview. Während einer Krise stehen gemeinnütziges Engagement und Zusammenhalt im Fokus der Gesellschaft. Dabei ist nicht nur die Politik gefordert, auch von der Wirtschaft wird erwartet, im Interesse der Gemeinschaft zu handeln. Aber wie und was können Unternehmen dazu beitragen? Dieser Frage geht Christian Schilcher in seinem Forschungsprojekt „Unternehmensverantwortung“ nach.


Herr Dr. Schilcher, Sie beschäftigen sich bei der Bertelsmann Stiftung mit der gesellschaftlichen Verantwortung von Unternehmen. Die großen Wandlungsprozesse unserer Zeit, von Digitalisierung und Globalisierung bis zum demografischen Wandel, haben auch die Erwartungen, die an Unternehmen herangetragen werden, verändert. Welchen Stellenwert hat unternehmerisches Engagement denn in unserer Gesellschaft?
Christian Schilcher: Das gesellschaftliche Engagement von Unternehmen wird in der Öffentlichkeit vielleicht etwas unterschätzt. Bei einer von uns groß angelegten repräsentativen Befragung von Unternehmen in Deutschland haben beispielsweise 45 Prozent der Unternehmen angegeben, in den letzten drei Jahren regelmäßig Geld für gemeinnützige Zwecke gespendet zu haben. Die Summe beläuft sich nach dieser Untersuchung für das Jahr 2018 auf ca. 9,5 Mrd. Euro und ist damit höher als die Spendensumme aller privaten Haushalte. Zu den Unternehmensspenden kommen von den Unternehmen noch Sachspenden, Nutzungsüberlassungen, eigene soziale oder ökologische Projekte des Betriebs, Freistellungen für Ehrenamt sowie Pro-bono- oder Corporate-VolunteeringProgramme. Man kann daher durchaus sagen: Ohne das Engagement von Unternehmen würde in der Zivilgesellschaft vieles nicht mehr funktionieren.

Aktuell erleben wir eine außergewöhnliche Situation, die unseren Alltag stark beeinflusst. Greift durch die Pandemie eine fundamental andere Bewertungsperspektive in unserer Gesellschaft?
Schilcher: Es hat sich gezeigt: Für den Umgang mit einer großen gesamtgesellschaftlichen Herausforderung wie der Pandemie braucht es alle Gruppen und Akteure. In diesem Zuge hat auch die Frage nach der Rolle von Unternehmen in der Gesellschaft mehr Aufmerksamkeit erhalten. Wofür tragen Unternehmen denn Verantwortung? Wofür können sie aber auch keine Verantwortung mehr tragen? Und wie haben sich die Unternehmen in der Krise eigentlich gegenüber ihren Beschäftigten und dem Gemeinwesen verhalten? Ich denke, dass durch die Pandemie eine Perspektive auf Betriebe prominenter wurde, die sagt: Wir müssen zukünftig Unternehmen stärker danach bewerten, welche Nutzen sie für die Gesellschaft haben, und weniger danach, welchen Gewinn sie machen.

Solidarität, Gemeinschaftssinn und Nachbarschaftshilfe sind heute aufgrund der weltweiten Ausnahmesituation zentrale Werte bzw. Gebot der Stunde. Haben jetzt Unternehmen stärker ihre gesellschaftliche Verantwortung wahrgenommen? Und wenn ja, sehen Sie das jetzt als nachhaltige wirtschaftliche bzw. ethische Veränderung?
Schilcher: Ich kenne keine Zahlen, aber ich habe aufgrund vieler einzelner Beobachtungen aus der Praxis meine Vermutungen. Trotz wirtschaftlich schwerer Situation haben Unternehmen ganz viel gemacht. Manche stellten beispielsweise ihre Produktion um und produzierten Dinge, die gerade gebraucht wurden, wie Masken oder Desinfektionsmittel. Andererseits hatten viele Unternehmen wirtschaftliche Probleme und mussten sich auf die Verantwortung für sich selbst konzentrieren. Interessanter noch als die Frage, ob sich Unternehmen mehr oder weniger engagiert haben, finde ich die Frage, ob sich Unternehmen anders engagiert haben. Meine These ist, dass Unternehmen nicht mehr Verantwortung übernommen haben, sondern anders Verantwortung übernommen haben.


Wie finden Unternehmen denn Maßnahmen, die sowohl unternehmerische Verantwortung entsprechend betriebswirtschaftlichen Prinzipien berücksichtigen als auch gemeinnützig auf die Gesellschaft wirken?
Schilcher: Folgende Punkte halte ich in diesem Zusammenhang für wichtig:

  • Maßnahmen sollten ansetzen an Problemen, die sowohl die Gesellschaft als auch das Unternehmen betreffen.
  • Maßnahmen sollten zu den eigenen Stärken bzw. dem Profil des Unternehmens passen.
  • Maßnahmen sollten mit den Beschäftigten besprochen werden, aber auch mit Kund*innen, lokalen Interessengruppen oder anderen
  • Bei den Maßnahmen sollte geschaut werden, ob sie in Zusammenarbeit mit Gleichgesinnten durchführbar sind, ob es bereits bestehende Netzwerke gibt, wo Synergien möglich sind.

Zu allen diesen Punkt gilt ganz allgemein: Klein anfangen und sich entwickeln. Gesellschaftliche Verantwortung ist ein Prozess, es ist ein Weg. Wir als einzelne Personen leben ja auch nicht nachhaltig gesünder, indem wir an einem einzigen Tag glücklich sind und an diesem Tag etwas Sport treiben und auf Fleisch verzichten.

Als ressourcenabhängige Organisationen sind NPOs in wirtschaftliche, gesellschaftliche und politische Kontexte eingebettet und damit abhängig von ihrem Umfeld. Für NPOs stellt die derzeitige Situation eine enorme Herausforderung für deren finanzielle Situation dar. Wie kann hier eine wirtschaftsethische Einstellung helfen?
Schilcher: Viele Unternehmer*innen wissen – und die anderen sollten wissen –, dass NPOs Leistungen erbringen, die auch ihnen zugutekommen. Deshalb arbeiten ja auch schon so viele Unternehmen mit den Organisationen der Zivilgesellschaft zusammen. Die Pandemie wäre nun für Unternehmen als ein Anlass zu nehmen, das eigene Engagement zu reflektieren und zu fragen: Wo braucht es derzeit Unterstützung? Wer braucht Unterstützung? Basiert das eigene Engagement eher auf Gewohnheiten aus der Vor-Corona Zeit? Wenn die Unternehmen hier ihr Engagement auf den Prüfstand stellen und auch auf die Probleme von NPOs ausrichten, könnte das helfen.

Was gefährdet den gesellschaftlichen Zusammenhalt und wie kann unternehmerisches Engagement dabei helfen, dem entgegenzuwirken?
Schilcher: Zwei Aspekte sind meines Erachtens hervorzuheben, die sich negativ auf gesellschaftlichen Zusammenhalt auswirken: Problematisch ist, wenn einerseits Teilhabe von Menschen erschwert wird, also wenn Menschen weniger Chancen haben, das eigene Leben und ihr gesellschaftliches Umfeld zu gestalten. Und wenn andererseits die Macht einzelner Akteur*innen größer wird, eigene Interessen auch gegen das Gemeinwohl durchzusetzen. Unternehmen wirken hier dagegen, wenn sie für gute Jobs sorgen, anständige Löhne zahlen, mitarbeiterorientierte Personalpolitik betreiben und so Teilhabe fördern. Hinzu kommt, dass Unternehmen sehr wohl ihre eigenen Interessen verfolgen können, ohne dabei das Gemeinwohl aus dem Blick zu verlieren. Dafür müssen sie ihr eigenes Agieren immer wieder kritisch reflektieren und in Kommunikation mit ihrer Umwelt stehen. Ein guter Anfang ist hier, im Gespräch mit dem eigenen regionalen Umfeld zu sein und sich dort einzubringen.

Herr Schilcher, herzlichen Dank für das Gespräch.

 

Zur Person:

Dr. Christian Schilcher, Dipl.-Soz., nach Anstellungen als wissenschaftlicher Mitarbeiter und Vertreter von Professuren an der TU Darmstadt und der Universität Tübingen derzeit beschäftigt bei der Bertelsmann Stiftung im Programm Unternehmen in der Gesellschaft. Fachliche Interessen liegen in der Arbeitssoziologie und aktuell bei Fragen der gesellschaftlichen Verantwortung von Unternehmen.

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