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WENN DIE ZUKUNFT IHRE RICHTUNG ÄNDERT

WENN DIE ZUKUNFT IHRE RICHTUNG ÄNDERT

Matthias Horx ist Trend- und Zukunftsforscher, Publizist und Visionär. Er sieht die aktuelle Ausnahmesituation durch Corona auch als Chance. Denn die Pandemie habe nicht nur gezeigt, wie verletzlich unsere Zivilisation ist, sondern auch, wie viel solidarischer unsere Gesellschaft sein kann, wenn es darauf ankommt. 

Der Zukunftsforscher im Interview:
 

Herr Horx, als Futurologe erforschen Sie die Möglichkeiten der Zukunft. Nun hat sich in den vergangenen Monaten in unserer Welt vieles verändert und wir wissen noch nicht, wo das alles hinführen wird. Wie steht es in Zeiten wie diesen um unsere Zukunft?
Matthias Horx: Es lässt sich schon etwas sagen über das Wahrscheinliche: Die Corona-Krise ist ein Schockereignis, das beschleunigend und klärend wirkt. Sie hat viele Tendenzen, die vorher schon da waren, beschleunigt, und sie hat geklärt, dass unsere Zivilisation verletzlich ist und wir dann nur durch Zusammenhalten, durch produktive Kooperation, Krisen bewältigen können. In den Ländern, wo das nicht gelungen ist, etwa in den USA, entsteht eine tiefe Krisenentwicklung, eine Katharsis. „Krise“ heißt ja im Wortstamm auch Entscheidung, Klärung.

Als Zukunftsforscher experimentieren Sie mit Visionsprozessen, der sogenannten Regnose. Was genau ist darunter zu verstehen?
Horx: In der Regnose springen wir geistig in die Zukunft und schauen von dort aus zurück. Wir sehen uns dann sozusagen selbst in der Vergangenheit, und verstehen, dass die Zukunft immer aus Selbst-Veränderung entsteht, aus einem Prozess, an dem wir selbst beteiligt sind. Wir schaffen uns sozusagen im Voraussehen selbst, das ist die Wortbedeutung von Regnose. Es wird klar, dass die Zukunft nicht von uns getrennt ist, also sozusagen „über uns kommt“ wie eine Lokomotive aus dem Tunnel. Sondern dass wir sie formen und verursachen. Wir treten sozusagen in unsere eigene Zukünftigkeit ein, statt immer zu jammern und uns zu fürchten. Das ist heilsam, wenn man sich darauf einlässt. Es ist eine mentale Technik des Konstruktivismus. Wir „machen“ uns die Welt ja immer aus unseren Vorstellungen.

Welches Potenzial haben solche Gedankenspiele?
Horx: Sie wirken aufklärend und bewusstseinserweiternd. Aber wie gesagt, man muss sich darauf einlassen. Viele Menschen wollen lieber eine Zukunft von außen diktiert bekommen, vor der sie sich dann fürchten oder von der sie erlöst werden können.

Ergeben sich dadurch vielleicht auch Möglichkeitsfenster für positive Visionen einer gemeinwohlorientierten Gesellschafts­ und Wirtschaftsordnung?
Horx: Vielleicht, aber ich finde diesen Begriff nicht so sexy, wenn ich ehrlich bin. Das klingt wie eine Krankenkassenverordnung. Vielleicht ist das, was vor uns liegt, nichts anderes als eine Weiterentwicklung einer pluralistischen Gesellschaft, die sich (auch durch Krisen) laufend selbst korrigiert. Manchmal wirkt es, als ob gar nichts vorangeht, aber irgendwann merkt man, dass die Gesellschaft vielleicht schon weiter ist, als viele befürchten oder behaupten. Das ist die sogenannte Wandlungs-Latenz. Unsere Gesellschaft ist solidarischer, als wir das befürchten, wir lassen uns nur immer sehr stark verunsichern. Das hat mit dem Strukturwandel der Medien zu tun, aber auch mit der evolutionären Prägung des Menschen. Wir schauen und starren immer leicht auf das Negative und lassen das, was gelingt, außen vor. Das war bei den letzten beiden Krisen besonders der Fall, bei der Flüchtlingskrise und bei der Corona-Krise. In den Medien wurde viel über das berichtet, was schiefging oder auch tatsächlich schrecklich war. Aber das, was in dieser Krise auch gelang, nämlich ein weitgehend solidarisches Verhalten und ein konstruktives Agieren des Staates, wird meistens abgewertet.

Hat sich Ihrer Ansicht nach die Spendenbereitschaft aufgrund der Corona­Pandemie verändert?
Horx: Grundsätzlich ist ja das Spendengeschehen von zwei Faktoren abhängig: der gesellschaftlichen Konstruktion, also der Frage, welche Funktionen Organisationen und der Staat übernehmen und welche das Individuum, und zweitens dem Narrativ eines bestimmten Geschehens. Das Aufkommen war ja bei einer Naturkatastrophe wie dem Tsunami in Asien größer, weil dort eine narrative Aufmerksamkeit geschaffen werden konnte. Konkrete Menschen, deren Häuser und Lebensmöglichkeiten zerstört wurde. Bei Corona ist das sicher viel schwieriger, auch weil die Wirkungen von Spenden angesichts der riesigen Mittel abstrakter sind. Und weil der Staat hier im Mittelpunkt des Geschehens steht.

Welche Erfahrungen, Erkenntnisse und Momente hat der Mensch als soziales Wesen Ihrer Ansicht nach aufgrund der Pandemie dazu gewonnen?
Horx: Ich kann nur sagen, dass viele Menschen in einen Prozess der Selbstbefragung hineingekommen sind: Was brauche ich wirklich? Wie sind meine Beziehungen? Wie stehe ich im Leben? Was sind meine Werte? Das Wesen dieser Krise war ja die Erfahrung von Verletzlichkeit einerseits, von Bewältigung andererseits.

Was brauchen wir eigentlich für ein gutes Leben in „Normalität“?
Horx: Konstruktive Beziehungen und das dadurch entstehende Weltvertrauen. Alles andere entsteht dann emergent, also „von sich aus“. Normalität ist ja nichts Normatives, sondern das, was ich erwarte und was dann eintritt.

In Ihrem Buch „Die Welt nach Corona“ schreiben Sie von einer Next Level Society, der es um Resilienz statt um Effizienz gehen wird. Wie könnte so eine Gesellschaft aussehen?
Horx: Sie wird nicht „aussehen“ im Sinne eines einheitlichen Erscheinungsbildes.  In ihr werden nur bestimmte Tendenzen der Optimierung von allem, also auch des Selbst, nicht mehr so dominant sein. Man könnte auch sagen, dass es sich um eine weniger erregte und beschleunigte Gesellschaft handelt. Mehr Gelassenheit und Selbstvertrauen, weniger Angst vor dem Existenzverlust. Wenn man mal in Skandinavien oder auch einigen anderen entspannten Kulturkreisen unterwegs ist, dann weiß man, dass es das längst gibt. Ich war gerade in Irland, da weiß man, dass nach dem nächsten Sonnenschein immer ein Sturm kommt. Und umgekehrt. Und dass man dann besser freundlich zum Nachbarn (Mitmenschen, Mitbewohner, was auch immer) sein muss, denn wenn das Leben mal härter wird, kann man sich dann besser aufeinander verlassen. Zu dieser Gelassenheit gehört auch eine gewisse Skepsis gegenüber allzu großen Versprechungen des Utopischen, sei es durch Technologie oder Reichtum oder andere Erlösungshoffnungen. 

 

Zur Person:

Schon als technikbegeisterter Junge in den 1960ern interessierte sich Matthias Horx für die Geheimnisse der Zukunft. Nach einer Laufbahn als Journalist und Publizist entwickelte er sich zum einflussreichsten Trend- und Zukunftsforscher des deutschsprachigen Raums. Er veröffentlichte 20 Bücher, von denen einige zu Bestsellern wurden. Er gründete Deutschlands wichtigsten futuristischen Think-Tank, das Zukunftsinstitut mit Hauptsitz in Frankfurt und Wien. Als leidenschaftlicher Europäer pendelt er zwischen London, Frankfurt und Wien, wo er seit 2010 mit seiner Familie das „Future Evolution House“ bewohnt.


 

 

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